Phraseologische Modalverben

Das Forum für professionelle Latinisten und Studenten der Lateinischen Philologie

Moderatoren: Zythophilus, marcus03, Tiberis, ille ego qui, consus, e-latein: Team

Re: Phraseologische Modalverben

Beitragvon iurisconsultus » Mo 28. Mär 2022, 17:48

Wer im gegebenen Fall annimmt, dass der lateinische Konjunktiv in seiner Potentialität/Konsekution wurzelt, dem erschließt sich das deutsche Modalverb mE von selbst.

Für mich ist allerdings unklar, ob auch im Deutschen zwingend der Konjunktiv zu setzen ist oder ob auch der Indikativ zulässig wäre - Frage an die Germanisten. :D
Qui statuit aliquid parte inaudita altera,
aequum licet statuerit, haud aequus fuit.
(Sen. Med. 199-200)
Benutzeravatar
iurisconsultus
Dictator
 
Beiträge: 1184
Registriert: Di 31. Dez 2013, 15:37
Wohnort: Lentiae, in capite provinciae Austriae Superioris

Re: Phraseologische Modalverben

Beitragvon cometes » Mo 28. Mär 2022, 17:57

Im Deutschen (der Gegenwart) erbringt der Konjunktiv diese semantische Leistung nicht, also lässt er sich auch nicht so einsetzen. Der Einsatz des Modalverbs ergibt sich auch nicht einfach aus dem lateinischen Konjunktiv in dieser Art Relativsatz, denn es finden sich zahlreiche Beispiele, wo derselbe unangebracht ist in der Übersetzung. Nimm folgendes Beispiel aus der verlinkten Grammatik:


A Relative Clause of Characteristic is used after general expressions of existence or non-existence [..]
Sunt quī discessum animī ā corpore putent esse mortem. (Tusc. 1.18)
There are some who think that the departure of soul from body constitutes death.


Wie soll in einer deutschen Übersetzung denn hier ein Modalverb oder der Konjunktiv gewählt werden, ohne den Sinn zu entstellen? Es ist also keineswegs so, dass sich des ersteren Gebrauch in dem ursprünglichen Beispiel von Seneca wie von selbst erschließt. Außerdem ist die Semantik von Potentialität ein weites Feld, die diese nicht erschöpfende Semantik von Vermögen (von Maschinen) im gegenständlichen Fall aber aus meiner Sicht entscheidend.

Kurzum, wo der lateinische Konjunktiv im Relativsatz generalisierende Charakterisierung signalisiert, greift der Übersetzer zum Modalverb, weil im Deutschen die typische Art und Weise eine Maschine zu charakterisieren eben darin besteht zu sagen, was sie tun kann.
Benutzeravatar
cometes
Consul
 
Beiträge: 301
Registriert: Do 6. Mär 2014, 00:45

Re: Phraseologische Modalverben

Beitragvon iurisconsultus » Mo 28. Mär 2022, 21:12

Hallo cometes, du hast ganz recht. Ich habe nicht behauptet („im gegebenen Fall“), jeder konsekutive Relativsatz sei im Deutschen durch ein Modalverb und/oder einen Konjunktiv wiederzugeben, oder wollte zumindest diesen Eindruck nicht vermitteln. Ich glaube nur, dass derjenige diese Frage einzelfallbezogen (!) richtig entscheiden kann, der die lateinische Konstruktion grundsätzlich nachvollziehen kann und ein gewisses Sprachgefühl auch innerhalb seiner Muttersprache hat - keep it short and simple. Das macht freilich deine Einsichten keineswegs entbehrlich. :)
Qui statuit aliquid parte inaudita altera,
aequum licet statuerit, haud aequus fuit.
(Sen. Med. 199-200)
Benutzeravatar
iurisconsultus
Dictator
 
Beiträge: 1184
Registriert: Di 31. Dez 2013, 15:37
Wohnort: Lentiae, in capite provinciae Austriae Superioris

Re: Phraseologische Modalverben

Beitragvon Sapientius » Di 29. Mär 2022, 16:56

A Relative Clause of Characteristic is used after general expressions of existence or non-existence [..] Sunt quī discessum animī ā corpore putent esse mortem.


Linguistik und Logik sind verschiedene Welten, ein Brückenschlag ist schwierig, man müsste alles umcodieren ... :-D

Die Figur "sunt, qui ..." ist gleichbedeutend mit einem Indefinitum, also: "Sunt, qui ... putent" = "Nonnulli ... putant ...". Es handelt sich hier um einen logischen Operator, der etwas über die Variable des Subjekts aussagt; die Menge der Leute, die glauben, ,,, , ist nicht leer; man nennt dieses Gebilde "Existenzquantor", alltaglich gebräuchlich als "Es gibt ...", there is ...

Es liegt hier also ein reiner Aussage- oder Behauptungssatz vor: "Einige glauben ...", und mit Behauptung ist Wahrheitsbehauptung gemeint; denn für die Logik haben Sätze etwas mit Wahrheit zu tun.
Wenn wir jetzt sagen: "es gibt Leute, die ...", dann verlegen wir die Wahrheitsbehauptung vom ganzen Satz auf den bloßen Existenzquantor am Anfang: "Es gibt Leute, ..."; der eigentliche Aussagesatz rückt dann in die Nebensatzposition, als Relativsatz; er verliert damit den Behauptungscharakter, wird vom HS zum NS, zu einem Satzteil, Subjekt; er wird sozusagen heruntergestuft, "Term" sagen die Logiker, ohne Wahrheitswert.
"Relative Clause of Characteristic" passt hier nicht, es ist ja der Behauptungssatz gemeint "Einige glauben ..."; der Relativsatz gibt also eine Behauptung wieder, und so rückt er in die Nähe einer indirekten Rede; denn auch diese besteht aus reduzierten Aussagen.

"general expressions of existence ", verwaschener Ausdruck, Existenzquantor ist gemeint.

Potentialen oder konsekutiven Konjunktiv würde ich hier nicht entdecken.

Hoffentlich könnt ihr jetzt mit meinen Ausführungen auch was anfangen! :)
Sapientius
Censor
 
Beiträge: 546
Registriert: Mi 8. Jan 2020, 09:00

Vorherige

Zurück zu Lateinische Philologie



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 10 Gäste