reipsa - Adverb oder Nomen?

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reipsa - Adverb oder Nomen?

Beitragvon Laptop » So 21. Jul 2019, 00:22

Salvete. So wie ich das verstehe, ist hier gemeint dass die Menschen von der ‹Sache selbst› (re ipsa) überzeugt werden müssen. D. h. es handelt sich sinngemäß um das Nomen und nicht um das Adverbium reipsa (synonym zu reapse), richtig? Problem an der Sache ist, daß in der Original-Handschrift eben das Adverbium steht, ein Zusammengeschriebenes ‹reipſâ›. Die Handschrift ist original und läßt auch keinen Zweifel an dem fehlenden Leerzeichen. Wie ist dieser Widerspruch aufzulösen, bei wem liegt der Irrtum?
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Quelle: Brief von Comenius an Hartlib, vom 12. Juni 1647, einzusehen unter emlo.bodleian.ox.ac.uk (Direktlink), dort auf dem 5. Blatt die 9. Zeile von oben.
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Re: reipsa - Adverb oder Nomen?

Beitragvon Prudentius » Mo 22. Jul 2019, 15:32

Laptop, ich glaube, das spielt keine große Rolle, ob er das zusammen oder auseinander schreibt; gemeint ist mit "res ipsa" die platonische Idee, die bei Gott liegt, wie es in der nächsten Zeile heißt. Es liegt ja die platonische Terminologie vor, "particularia", die sinnlich wahrnehmbaren Einzeldinge, und die übersinnliche "Sache selbst"; z.B., in unserer Terminologie, "Kreis", res ipsa = die Definition von Kreis, Begriffsinhalt, und particularia, die kreisrunden Gegenstände allesamt, Begriffsumfang.
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Re: reipsa - Adverb oder Nomen?

Beitragvon Laptop » Mo 22. Jul 2019, 20:08

Ich dachte, daß sich an der Orthographie festmacht, ob es sich um das Adverbium oder das Nomen handele. Maßgeblich ist ja die Orthographie des Autors, bzw. im weiteren Sinne auch die zeitgenössische Orthographie. Nicht zu beanstanden wäre sicherlich, wenn der Autor das Adverbium, oder besser gesagt, den adverbialen Ausdruck, mit Leerzeichen als ‹re ipsa› schrübe. Doch umgekehrt darf es nicht sein, daß er das Nomen ohne Leerzeichen als ‹reipsa› schreibt. So etwas ist wider alle Normen, auch die Normen seiner eigenen Zeit. Insofern verstehe ich nicht warum es irrelevant sein soll wie man es schreibt. Du sagst es handele sich um das Nomen, in Ordnung, aber dannn muss da doch zwingend ein Leerzeichen hin, nicht wahr? :roll:
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Re: reipsa - Adverb oder Nomen?

Beitragvon Prudentius » Di 23. Jul 2019, 15:45

... aber dannn muss da doch zwingend ein Leerzeichen hin, ...


Na ja, der Herausgeber hat es ja gesetzt; nach "particularibus et" muss unbedingt ein Substantiv im Abl. folgen und kein Adverb; das gleiche Paar ist ja im nächsten Satz wiederholt.
Vllt. wollte Comenius durch die Zusammenschreibung die enge Bindung der beiden Wörter betonen, denn das ipse ist ja der platonische Standardausdruck für die Idee, gr. "auto to ...".

So wie ich das verstehe, ist hier gemeint dass die Menschen von der ‹Sache selbst› (re ipsa) überzeugt werden müssen.


Ich sehe es anders, nicht "von der Sache", sondern "durch die Sache", also diese beiden platonischen Begriffe bezeichnen die Werkzeuge der Überzeugung, nicht deren Inhalt. Also wenn die Kinder "Kreis" lernen sollen, bekommen sie Modelle gezeigt (Particularia) und dann bekommen sie die Definition vorgesetzt (res ipsa, die Idee, den Begriff als Abstraktum).
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Re: reipsa - Adverb oder Nomen?

Beitragvon Laptop » Mi 24. Jul 2019, 17:41

Verstehe, particularia ist das gleiche wie die sensualia bei Comenius. Erst ist das Einzelstück sinnlich zu erfahren, bevor man das Generikum oder Abstraktum lernt. In diesem Zusammenhang ist "re ipsa" "dann das Abstraktum. Danke für den kurzen Lichtblick!

Übrigens: Leider ist es oft umgekehrt, der Herausgeber tut etwas Orthographisches was keine Verbesserung ist, sondern eine Hyperkorrektur. Könnte beliebig viele Beispiele nennen. Aber in diesem Fall hat sich eben Comenius mal verschrieben, die Ausnahme und selten.
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