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Beitragvon Laptop » Mo 27. Feb 2023, 22:47

Ich mußte früher immer 'Es ist ein Ros entsprungen' singen, und wunderte mich was für ein Pferd denn ausgebüchst ist. Als Erwachsener weiß man dann, daß 'die Rose' als Allegorie für das Jesuskind gemeint ist und die damaligen Liedtexter den Text zurechtgebogen haben, daß sich die Balken biegen. Aber ist es denn wirklich die Rose mit langem o und weichem s? Das lat. rosa wird in etwa gesprochen wie Herr Rossi aus 'Herr Rossi sucht das Glück', nur halt mit einem -a am Ende statt einem -i. Trotzdem sprechen wir die Pflanze im Deutschen 'Roh-se' aus, weil Lehnwörter eben seltsame Gewächse sind. Nun gibt es aber lat. Taxonome wie Rhodiola rosea. Gilt das dann auch für die, daß man 'roh-se-ah' sprechen darf? Das kommt mir dann doch etwas komisch vor, schließlich ist das kein Lehnwort mehr, sondern Latein.
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Re: rosea

Beitragvon Tiberis » Di 28. Feb 2023, 01:03

Laptop hat geschrieben: Trotzdem sprechen wir die Pflanze im Deutschen 'Roh-se' aus, weil Lehnwörter eben seltsame Gewächse sind.

Lehnwörter , die ja nichts anderes sind als "eingedeutschte" Fremdwörter, unterliegen den deutschen Ausspracheregeln. Und da gilt eben, dass der Vokal in vokalisch endenden, betonten Silben lang gesprochen wird.
Bei lateinischen Namen in der Botanik oder Zoologie hingegen sollte man sich nach den lateinischen Aussprache- bzw. Betonungsregeln orientieren, auch wenn das mitunter nicht geschieht. So wird z.B. die Gladiole i.d.R. mit langem, betontem o gesprochen (Gladió:le), obwohl ihr lateinischer Name gladiolus naturgemäß auf der drittletzten Silbe betont wird und somit das o kurz ist.
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Re: rosea

Beitragvon Sapientius » Di 28. Feb 2023, 09:21

'Es ist ein Ros entsprungen'


Es sollte wohl richtig heißen: "Es ist ein Reis entsprungen", ein Trieb, ein Spross, nach einem Prophetenwort von Jesaja, dass aus dem alten Stamm Jesse ein frischer Trieb herauswächst, auf Maria und Jesus bezogen.

Ich mußte früher immer ... singen,


Laptop, du scheinst deiner Kindheit entwachsen zu sein.
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Re: rosea

Beitragvon Laptop » Di 28. Feb 2023, 17:29

Tiberis, das mit den Gladiolen ist auch ein schönes Beispiel.

Sapientius, das mit dem Reis wußte ich nicht. Da biegen sich die Balken ja noch mehr als ich dachte.
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Re: rosea

Beitragvon Sapientius » Do 2. Mär 2023, 09:05

Da biegen sich die Balken ja noch mehr als ich dachte.


Laptop, was willst du damit sagen? Vermutest du Lügen? Du musst die besondere Redeweise der Propheten beachten, sie haben ihr eigenes Narrativ, Heraklit sagt ungefähr: "Der Gott in Delphi sagt nicht und verbirgt nicht, sondern er zeigt (semainei)", 93. Für die Christen ist Jesaja der Vorbote für Christus, und ebenso Vergil, mit seiner 4. Ekloge und der Äneis. Du musst die große Linie sehen, sie führt von damals bis zu uns hier persönlich.
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Re: rosea

Beitragvon medicus » Do 2. Mär 2023, 14:23

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Re: rosea

Beitragvon Laptop » Do 2. Mär 2023, 16:19

Ja, ich habe diesen guten Wiki-Artikel inzwischen auch gelesen. Dann ist es ja doch so gemeint wie ich anfangs annahm, Es ist eine Rose gewachsen steht allegorisch die Rose als ein genealogischer Blick (sozusagen ein Mini-Stammbaum), mit Mutter Maria als die Pflanze und Jesus wird dann als die Blüte an der Rose genannt. Und mit 'Balken verbiegen' meine ich, dass ein Text in seiner Schreibung und oder Aussprache krude verbogen wird, damit er ins Versmaß passt. Ich kann mir nicht vorstellen daß man im 17. Jahrhundert die Rose als 'ein Ros' mit männlichem Genus verwendete. Das sind verbogene Balken. Bei Heinz Ehrhardt kann das witzig sein, bei Präetorius ist es cringy. :roll: Die ganze Allegorie ist auch irgendwie off, weil eine Rose ja mehr als eine Blüte hat, und ich meine bei den religiösen Menschen gilt Jesus als einzigartig und nicht als eine Blüte an einem Strauch mit vielen Blüten, die sich alle gleichen wie ein Ei dem andren.
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Re: rosea

Beitragvon cometes » Fr 3. Mär 2023, 01:13

Friedrich Spittas ausführliche Widerlegung der von Wackernagel stammenden Konjektur, wonach unter Ros Reis zu verstehen sei, erschien schon im Jahre 1900: https://archive.org/details/bub_gb_GtAq ... 5/mode/2up
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Re: rosea

Beitragvon Laptop » Fr 3. Mär 2023, 01:22

Im Text erscheint ja weiter unten dann selbst noch 'Roeslein' statt 'Ros', außerdem 'duftet es so süß' und Reis duftet nicht süß, wie kann man dann überhaupt erst auf 'Reis' kommen? Aber es kann natürlich sein, daß der alte Spruch mit dem Reis den damaligen Liedtexter inspiriert hat. Aber richtiger oder falscher ist wohl keine Version.
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Re: rosea

Beitragvon ille ego qui » Sa 4. Mär 2023, 01:24

Lehnwörter , die ja nichts anderes sind als "eingedeutschte" Fremdwörter, unterliegen den deutschen Ausspracheregeln. Und da gilt eben, dass der Vokal in vokalisch endenden, betonten Silben lang gesprochen wird.
Bei lateinischen Namen in der Botanik oder Zoologie hingegen sollte man sich nach den lateinischen Aussprache- bzw. Betonungsregeln orientieren, auch wenn das mitunter nicht geschieht. So wird z.B. die Gladiole i.d.R. mit langem, betontem o gesprochen (Gladió:le), obwohl ihr lateinischer Name gladiolus naturgemäß auf der drittletzten Silbe betont wird und somit das o kurz ist.


... wobei die Gladiole ein Beispiel für die im ersten Absatz besprochene Eindeutschung darstellt.
Der botanische Name lautet ja durchaus gladiolus.
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Re: rosea

Beitragvon cometes » Sa 4. Mär 2023, 12:37

Spitta weist u.a. nach, dass der Bezug auf Jesaja eine spätere Idee ist, die nicht mit den Vorstellungen zur Zeit der Entstehung des Textes harmoniert, wo von der stirpis Jesse rosa die Rede ist, und zeigt, dass der Ros hier den Rosenstock bezeichnet.
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Re: rosea

Beitragvon Laptop » Sa 4. Mär 2023, 16:00

Ich dachte es hat mit Jesaja nichts zu tun und Jesse ist sowas wie ein Urvater (im Simme von 'aus dem Stamm Davids')? (in den Apokryphen ist es glaube ich sogar konkret der Vater von Maria) So steht es ja auch im Liedtext. Wir würden in modernem Deutsch wohl sagen 'die Rose, also Maria, war Jüdin'.

ES ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art,
Und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.


Die Wurzel Jesse ist eine Bezeichnung für den Stammbaum Jesu, welche hervorgehend aus der Familie des Isai (griech. Jesse), des Vaters Davids.
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Re: rosea

Beitragvon cometes » Sa 4. Mär 2023, 19:31

Es ging um Wackernagels einflussreiche Konjektur (Reis/Reislein statt Ros/Röslein), zu deren Begründung aus Jesaja Spitta bemerkt:

Von den Stellen, die Wackernagel […] anführt, beweist nicht eine einzige, daß die Dichter von Maria mit Bezug auf Jes 11,1 das Wort Reis gebraucht hätten. […] wo das Wort Reis sich findet, weist nichts auf die jesajanische Weissagung hin.
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Re: rosea

Beitragvon Laptop » Sa 4. Mär 2023, 23:46

Verstehe, das hatte ich nicht mitbekommen, meine Schuld.
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